Kultur lebt von Experiment

Spoorendonk_hochIgor Strawinsky war einer von ihnen. Maurice Ravel und Steve Reich auch. Von Stockhausen gar nicht zu reden. Als Maurice Ravels Bolero 1928 in Paris seine Uraufführung erlebte, rief eine Dame aus dem Publikum: „Hilfe, ein Verrückter.“ Den Komponisten veranlasste dies zu der nüchternen Replik: „Die hat‘s kapiert.“

Wie Strawinsky, Stockhausen und Reich steht auch Ravel für eine Zensur in der Musikgeschichte – sie wollten etwas Neues ausprobieren. Heute gelten ihrer Kompositionen als Wegbereiter der Musikgeschichte und sind längst selbst zu Klassikern geworden.

Trio Catch, das den Anstoß dafür gab, in Husum ein Festival für Neue Musik auf Beine zu stellen, definiert Neue Musik so: Alles, was nach 1999 komponiert wurde. Eine Jahrtausend-Definition. Aber das ist nur eine Seite der Medaille, denn „die“ Neue Musik, das ist musikalische Diversität, ist Anerkennung des jeweils anderen Ausdruckswillens und gleichberechtigtes Nebeneinander.

Nicht zuletzt durch die digitale Revolution sind Kunst und Kultur radikalen Veränderungen ausgesetzt. In der Musik, insbesondere in der Neuen Musik, hat dies unter anderem eine Modifikation des herkömmlichen Instrumentariums zur Folge. Zeitgenössische Komponisten haben bei der Arbeit nicht mehr die Instrumente etwa eines Sinfonieorchesters vor Augen und Ohren, sondern beziehen ihre Klänge aus dem Leben, aus dem, was uns täglich klanglich umgibt. Auf diese Weise schafft es ein einfaches Holzbrett aus dem Baumarkt womöglich auf die Bühnen der großen Konzertsäle. Der Fantasie sind so gut wie keine Grenzen gesetzt. Vor allem das ist Neue Musik – spannend, vielleicht nicht immer leichte Kost, aber eine voller Potenzial und auf Sicht vielleicht sogar mit dem Potenzial zum Klassiker. Darüber werden spätere Generationen entscheiden. Aber in Husum wird schon einmal der musikalische Grundstein gelegt. Abstrakte Gemälde haben unsere Sehgewohnheiten auch nachhaltig verändert. Wir selbst sind heute schon aufgefordert, unsere eingefahrenen Hörsinne zu schärfen.
Als Schirmherrin wünsche ich dem Festival viel Erfolg, aber vor allem offene Ohren, denn auf sie wird es ankommen.

Anke Spoorendonk,
Ministerin für Justiz, Kultur und Europa
des Landes Schleswig-Holstein